Wie fair ist Fairtrade?

Wie fair ist Fairtrade?

Mittlerweile hört und liest man es immer häufiger: “Dieses Produkt ist Fairtrade”. In der Regel nickt man es einfach wohlwollend ab, ohne sich darüber besonders viele Gedanken zu machen. Dennoch wirkt das Siegel häufig attraktiv und ist manchmal sogar ein Kaufgrund.

Aber was ist Fairtrade eigentlich und wie funktioniert es?

Die erste Assoziation steckt schon im Siegel selbst: Das Produkt, also der Kaffee ist fair gehandelt worden. „Fair“, das ist ein ziemlich allgemeiner Ausdruck. Da muss eine spezifische Beschreibung her. Die internationale Schirmorganisation für fairen Handel (FLO) definiert Fairtrade als ein Siegel mit dem Ziel der nachhaltigen Verbesserung des Handels und des Naturschutzes zum Nutzen der Produzent*innen. (Mehr dazu hier)
Das klingt schonmal nicht schlecht. Doch zeichnet sich dabei kein genauer Fahrplan ab, wie diese Ziele erreicht werden sollen. Daher ein Beispiel aus einem Anbaugebiet in Nicaragua.

Nachdem, Ende des letzten Jahrtausends der Weltpreis für Kaffee stark eingebrochen war, standen viele kleine Kaffeeproduzent*innen vor dem Aus.
Bleiben und Leiden? Oder das Land und die Pflanzen verkaufen und in die Stadt ziehen um evtl. bessere Perspektiven zu haben?
Zu dieser Zeit deckte der Preis für Kaffee auf dem öffentlichen Markt nicht einmal die Produktionskosten. Das ist auch heute noch häufig der Fall!
Viele Kleinbauern verkauften ihren Besitz, zogen weg oder verließen das Land. Für die meisten von ihnen gab es keine Zukunft in Sicht. Die Hoffnung wieder zurückzukehren blieb für viele aus.
Einige jedoch schlossen sich zu Kooperativen zusammen, die unter der Schirmherrschaft der beiden Fairtrade-Organisationen CECOCAFEN und SOPPEXCCA stehen. Die Ziele dieser Zusammenschlüsse standen unter den 5 Fairtrade-Gesichtspunkten:

1. faire Bezahlung der Produzent*innen
2. Unterstützung durch die Schirmgesellschaften
3. infrastrukturelle Entwicklung von Kommunen und Dörfern der Region
4. das Herstellen einer Geschlechtergleichbehandlung
5. Umweltschutz

Besser, ökologischer, schonender

Dabei wurde ein Fixpreis von 1,26$/454g Kaffee ausgerufen, unabhängig vom Marktpreis. Sollte der Markt jedoch einen höheren Preis aufrufen, so sollte der höhere Preis bezahlt werden. Nun war es den Kleinbauern möglich, unabhängig vom Weltmarkt zu produzieren. Solche Bedingungen erlaubten es, nicht nur die wenigen nachgefragten „Weltsorten“ anzubauen, sondern speziell angepasste Kaffeevarietäten. Zum Teil perfekt auf die Anbaugebiete abgestimmte Kaffeesorten können ohne erhöhten Einsatz von Pestiziden wachsen. Eine solche Diversität und die nachhaltige Bewirtschaftung schont dabei die Böden und hat eine höhere Qualität der Bohnen zur Folge. Die natürliche Biodiversität ist gesichert, da, neben der Kaffeepflanze viele andere Baumarten auf den Plantagen stehen. Diese dienen den Bäuer*innen als Schutz vor lästigen Insekten, der Sonne und als Wasserspeicher. Dieser Fairtrade Anbau konnte auch dann weitergeführt werden, als 2001 der Preis für ein Pfund Rohkaffee auf 43ct fiel. Nicht nur die Bauern profitierten von dieser Preissicherheit, auch die Gemeinschaften erfuhren eine Aufwertung.

Auch die Frauen werden gefördert

Generell ist es schwer, eine direkte Korrelation zwischen infrastrukturellem Ausbau und Fairtrade zu beweisen. Dennoch gibt es einzigartige Projekte, die eindeutig durch die Fairtrade-Siegel finanziert und ermöglicht wurden. So wurden bis 2005 in Yasika Sur und La Corona, zwei Regionen im Norden Nicaraguas, zahlreiche Kaffeefarmen und eine Schule renoviert. Es wurde außerdem ein Hospital gebaut, sowie Workshops zum Thema Ökotourismus gehalten.

Bei der Gestaltung der Aufgaben und der Investition des Geldes in die Infrastruktur werden die Frauen der Kooperationen einbezogen. Trotz der formalen Gleichstellung dieser sind diese bis heute zahlenmäßig unterrepräsentiert. Sie besitzen weiterhin nicht dieselben Rechte wie ihre männlichen Kollegen. Dies liegt natürlich auch an der Erziehung und den traditionellen Rollenbildern, die nur schwer zu reformieren sind. Weiterhin sehen die Produzent*innen der Fairtrade-Kaffees nicht die volle Summe des Fixpreises.

Wer verdient an Fairtrade?

Karla Utting-Chamorro zeigte in ihrem Review Does fairtrade makes a difference? The case of small coffee producers in Nicaragua, 2005, welche Kostenverteilung in Nicaragua üblich ist. Von den 126$/45,4kg Rohkaffee werden 5$ für die Investition in die Infrastruktur zurückgehalten. Weitere 10$ gehen an die Schirmgesellschaft für ihren administrativen Aufwand. 18$ Transportkosten fallen an, um den Kaffee in die Welt zu verschiffen. Von den verbleibenden 92$ wurden 31$ genutzt, um kommunale Schulden abzubezahlen. Diese sind mittlerweile jedoch getilgt. So erhalten die Produzent*innen ca. 60$ für 45,4 kg Rohkaffee. Ist das fair?

Relativ zum aktuellen Marktpreis von 116$/45,4kg Rohkaffee (vor Abzügen für Handel und Transport) immer noch eine weitaus bessere Alternative, da die gesamte Gemeinde davon profitiert, die Umwelt geschont wird und die Diversität der Kaffeesorten geschützt wird. (Stand: 16.08.2020 16:40 Uhr)

Lohnt es sich, Fairtrade zu kaufen?

Abschließend sollte noch eine Frage geklärt werden: Lohnt es sich, Fairtrade zu kaufen?  Fairtrade ist kein Nischenmarkt, sondern ein Kontrakonzept zu einem momentan vorherrschenden, ausbeutenden Marktsystem. Durch die Verbesserung der Lebensbedingungen besonders im Süden der Weltkugel wird die Verstädterung reduziert und die Umwelt geschont. Sie stellt eine reale Alternative zum Weltmarkt dar und besticht durch eine höhere Qualität. Deutlich mehr verschiedene Produkte und zu guter Letzt ein besseres Gefühl beim Einkauf sind unmittelbare Folgen von Fairtrade. Fairtrade ermöglicht uns, eine Rolle am anderen Ende der Welt zu spielen und selbst zu entscheiden, welchen Einfluss wir auf unseren Planeten haben wollen.

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